#Hafenkultur in Hamburg

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Hamburg und der Hafen gehören wohl zusammen wie Pech und Schwefel. Oder an was denkt ihr zuerst wenn ihr Hamburg hört? Diese Woche wurden drei neue Containerbrücken für den Container Terminal Burchardkai angeliefert. Eine ziemlich spektakuläre Angelegenheit, wenn man sieht, wie diese sogenannten Brücken transportiert wurden. Ich bin von Einzelteilen ausgegangen, aber nein, stattdessen wurden sie irgendwo im asiatischen Raum angefertigt, auf die „Zhen Hua 20“ gepackt und nach Hamburg verschifft. Man fragt sich wirklich, warum das Schiff nicht einfach untergeht.
Natürlich machte ich mich auf die Socken, um davon ein Bild einzufangen. Einen Tag lang lag die Zhen Hua 20 vor Airbus, also schwang ich mich auf die nächste Fähre, um dort irgendwie in die Nähe zu kommen. Ziemlich beeindruckend, vor allem auch dann, wenn man kleine Segelboote oder die Hamburg Süd im Vergleich dazu sieht.

Die Containerbrücken sind für die HHLA, die dann große Containerschiffe abfertigen kann. Und schon sind wir mitten drin in der Hafenkultur. Natürlich gehören die großen Terminals, Kreuzfahrtschiffe und die Werften dazu. Es ist immer wieder spektakulär zu sehen, wie die Queen Mary 2 in den Hafen einläuft, das größte Containerschiff versucht in den Hafen einzulaufen oder wenn wieder ein schwimmendes Objekt ins Dock kommt.

Aber um all das und die Geschichte des Hamburger Hafens zu verstehen, gibt es ein paar wunderbare Orte, die man sich am Hamburger Hafen ansehen sollte.

Museumshafen Oevelgönne e.V.
Der Museumshafen Oevelgönne gehört wohl zu den kultigsten Orten in Hamburg, die man am Hafen gesehen haben muss. Dort liegen immer herrliche Schiffe wie kleine Segelschiffe, Barkassen, Dampfschlepper, oder oder oder. Die historischen Wasserfahrzeuge sind immer einen Anblick wert. Wer will kann auch mitfahren, am Sonntag findet der Sommertörn statt (natürlich nur mit Anmeldung).

Museumshafen Oevelgönne

Museumshafen Oevelgönne

Holzhafen Hamburg
Jeder, der schon mal an der Elbe entlang spaziert ist, kennt wohl den Holzhafen mit seinen Kneipen und mittlerweile auch schönen Geschäften. Zwischen den Neubauten stehen auch noch zwei alte Krane. Um genau zu sein handelt es sich dabei um alte Roll-Wipp-Dreh-Krane von 1939, die bei Kampnagel gebaut worden sind. (Ja, für alle nicht Hamburger, Kampnagel ist heute ein Veranstaltungsort für darstellende Kunst, aber damals war es eine Maschinenfabrik, wo unter anderem solche Krane hergestellt wurden.) Wenn Ihr Euch jetzt wundert, warum ich Euch diesen „Schrotthaufen“ vorstelle, dann blutet das Herz der Hamburger, denn es sind die letzten beiden Wippkrane ihrer Art in Hamburg. Gegen eine Restaurierung hat keiner was, es fehlt nur (wie immer) das nötige Kleingeld in Hamburg. Wer spenden möchte, kann dies gern tun. 

Holzhafen Hamburg

Holzhafen Hamburg

Holzhafen Hamburg

Holzhafen Hamburg

Kleiner Einschub: Krane
Falls Ihr Euch jetzt fragt, ob das Wort „Krane“ wirklich richtig ist, JA! Ist es!  Ich wurde diesbezüglich auch belehrt, der Plural von Kran (in der Fachsprache) lautet Krane. Der Duden wird euch dies gern bestätigen. Die Herkunft des Wortes geht auf den Kranich zurück, der einen langen Hals hat. Im Bereich der Hanse sind Krane ein Hebezeuge – aufgrund der Ähnlichkeit zum Kranich. Logisch, oder?

Fischauktionshalle
Dieses schöne Bauwerk wurde 1895 im Stil der römischen Markthalle (einer 3-schiffigigen Basilika) errichtet. Dort fand der klassische Handel und Versand von Fischen statt. Seit 1984 ist die Fischauktionshalle ein Veranstaltungsort. Jede gute Kiezparty endet dort und anschließend geht es nebenan auf den Fischmarkt.

Fischauktionshalle Hamburg

Fischauktionshalle Hamburg

U-434
Wer noch nie auf einem U-Boot war, kann dies direkt am Fischmarkt nachholen. Das U-Boot hat täglich geöffnet. Es ist ein „Überbleibsel aus der Sowjetunion“ wie es so schön im Netz heißt. Ich gebe zu, ich war noch nicht auf dem U-Boot. Steht aber auch auf meiner To-Do-Liste.

#hafencityhamburg #hamburg❤️ #hh #U434 #landungsbrücken #u-Boot #Ausflug #Besichtigungu434

A photo posted by Erik Wagler (@erik_von_studiozwei) on

 

Alter Elbtunnel
Ein klassisches Fotomotiv bei Instagram und gleichzeitig ein Ort voller Geschichte und Geschichten. Allein der Bau des alten Elbtunnels ist höchst spannend, 4400 Arbeiter wurden für den Bau eingesetzt und sie standen unter permanenter medizinischer Kontrolle. Denn die Gefahr an einer Taucherkrankheit zu sterben war groß. Wie Ihr Euch vorstellen könnt, verbergen sich allein hinter diesem Bau zig Informationen und Geschichten. (Da ich die Hamburg History Live Korrektur gelesen habe, konnte ich recht viel über den Bau des alten Elbtunnels erfahren.)

Alter Elbtunnel

Alter Elbtunnel Hamburg

 

Cap San Diego
Mein letzter Besucher auf der Cap San Diego ist bestimmt schon wieder drei Jahre her, aber man muss es gesehen haben. Das Schiff gehört zur Cap-San Klasse und war ein Stückgut Frachter. Sie hatte fünf Schwesterschiffe und wurde für die Reederei Hamburg Süd gebaut.

 

 

Rickmer Rickmers
Ein paar Meter weiter liegt die Rickmer Rickmers. Aktuell befindet sich die Rickmer Rickmers im Dock bei Blohm + Voss. Der Frachtensegler wird ein wenig „aufgemöbelt“. Geplant ist, dass sie am 2. September wieder ihren Liegeplatz an den Landungsbrücken beheimatet. (Die Sanierung wird mit 1,9 Millionen vom Bund finanziert.) Ich persönlich mag die Rickmer Rickmers sehr gern (vor allem wenn man dort schon mal an einer Veranstaltung teilgenommen hat). Ein schönes Ambiente!

Rickmer Rickmers

Rickmer Rickmers

Speicherstadt
Als Teil der Hafenkultur kann man die Speicherstadt nicht außer Acht lassen, zumal sie letztem Jahr zum UNESCO-Welterbe gehört. So viel kann und ich will gar nicht dazu sagen, denn es gibt zig Bücher zu diesem Architekturkomplex. Sehenswert ist die Speicherstadt auf jeden Fall!

Speicherstadt Hamburg

Speicherstadt Hamburg

Internationales Maritimes Museum Hamburg
Wer sich mit der Seefahrt näher beschäftigen möchte, kommt um einen Besuch dieses Museums kaum herum. Ich weiß wovon ich spreche, schließlich habe ich dort gearbeitet. Allein das Gebäude ist sehr beeindruckend und die Sammlung riesig. Aber wusstet Ihr das dieser alte Kaispeicher quasi eine Bauvorlage für die Speicherstadt war? Ja, das Gebäude ist zehn Jahre vor dem Bau der Speicherstadt errichtet worden.

Internationales Maritimes Museum Hamburg

Internationales Maritimes Museum Hamburg

Hafenmuseum Hamburg
Ich gebe zu, ich bin total voreingenommen und überhaupt nicht objektiv, wenn es um dieses Museum geht.😀 Man stelle sich einen verdammt großen Schuppen vor und der ist vollgepackt mit Hafengeschichte. Das schönste an dem Museum sind die Ehrenamtlichen, die einen immer mit Informationen versorgen. Bei meinem letzten Besuch im Hafenmuseum Hamburg habe ich mich im Maschinenraum verschanzt und habe mir erklären lassen, wie das mit den Dampfmaschinen funktioniert etc. Bei Sonne ist es auch einfach nur schön dort zu sitzen und auf das Wasser zu starren. Dort habe ich auch gelernt, dass nicht alles, was sich auf dem Wasser befindet, Schiffe sind. Nein, es gibt auch schwimmende Objekte (wie die Saatsee oder der Sauger). Krane oder Sauger sind also keine Schiffe, sondern Objekte. Das Museum führt diese auch regelmäßig vor. An Land gibt es Objekte die sich immer liebevoll mit Abkürzungen umschreiben lassen wie zum Beispiel den VC. Ich verstand am Anfang nur Bahnhof. WTF ist ein VC? Natürlich, ein Van Carrier, diese Dinger sind auch heute noch im Einsatz und gehören zum Hafenschnack. Wer schon mal mit einem Angestellten aus dem Hafenbetrieb gesprochen hat, wird ziemlich schnell merken, dass es Fachbegriffe gibt, die offensichtlich jeder Hamburger kennt. Ähnlich fremde Worte für mich waren Schutenschubser, Ewer, Tallymann, Küper/Quartiersmann (ich musste sofort an James Bond denken, an den Quartiermeister Q) oder Schauermann. Wie Ihr schon merkt, könnte ich jetzt noch sehr viel mehr schreiben. Für mich gehört das Hafenmuseum zu den wenigen Orten, den die Hamburger nicht kennen und so sehr „hypen“, denn er liegt auf der anderen Elbseite und für viele ist der Sprung über die Elbe noch immer eine verdammt große Hürde. Schade, aber irgendwie auch charmant, so hat man dort am Hafen mit dem perfekten Blick auf die Elbphilharmonie seine Ruhe.😀

Hafenmuseum Hamburg

Hafenmuseum Hamburg

Saatsee - Hafenmuseum Hamburg

Saatsee – Hafenmuseum Hamburg

Peking
In Zusammenhang mit dem Hafenmuseum bzw. mit dem Deutschen Hafenmuseum, das irgendwann in Hamburg entstehen soll, gibt es noch die Peking. Ein seeuntaugliches Schiff, das bislang noch in Manhattan liegt (ja genau, DAS Manhattan), demnächst aber nach Hamburg überführt werden soll. Die bisherige Planung sieht vor, dass es im Frühjahr 2017 in der Hansestadt ankommt und direkt in die Werft geht, wo es wieder flott gemacht wird. Eine Herzensangelegenheit für die Hamburg, wie ich schnell gemerkt habe. Ich wusste nicht, dass einem Schiffe so nah gehen können. (Für mich ist es halt ein altes Schiff, aber das darf man hier nicht so laut sagen.^^) Da die Peking seeuntauglich ist, wird der Transport über den großen Teich wohl ziemlich spektakulär. Da ich immer für skurrile Zahlen und Fakten empfänglich bin: Die Peking hatte zwei Schweineställe für die Frischfleischversorgung an Bord. Da fragt man sich, wird daraus zukünftig eventuell ein schwimmender Zoo?😉 Kleiner Scherz. Oder nennen wir sie dann doch in Arche Noah um. Hihi.

Feste am Hafen
Neben all diesen wunderbaren Orten rund um den Hamburger Hafen, seine Geschichte und das Leben gibt es natürlich auch noch viele Feste. Das wohl bekannteste Fest ist der Hafengeburtstag, den die Hamburger gern meiden. Dann gibt es noch das Elbfest, Duckstein Festival, Harburger Binnenhafenfest, Elbjazz Festival, Yachthafenfest in Wedel, Skandalos Stranden, Blue Port, MS Dockville, Hamburg Cruise Days und vermutlich noch zig andere Veranstaltungen, die am Hafen stattfinden.

Harburger Binnenhafenfest

Harburger Binnenhafenfest

Blue Port Hamburg

Blue Port Hamburg

 

Wie Ihr seht, wird Hafenkultur in Hamburg ziemlich groß geschrieben – und wenn Ihr gerade nicht in Hamburg wohnt, dann solltet Ihr zumindest den ein oder anderen Ort mal gesehen haben.😉

#artbookfriday | Emscher Kunst

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Vor ein paar Wochen bekam ich eine Einladung zu einer Bloggerreise, die ich schweren Herzens ausschlagen musste. Der Einladung lag eine Kunst- & Radkarte bei. Das fand ich dermaßen originell, dass ich mir natürlich sofort die gesamte Route anschaute. Ich war hellauf begeistert, denn sie führt von Holzwickede nach Herne (über Dortmund und Castrop-Rauxel). Bei vielen Lesern ploppen jetzt vielleicht die ersten Vorurteile gegenüber dem Pott auf, insbesondere dann, wenn man den wunderschönen Stadtnamen Castrop-Rauxel hört. Nur fürs Protokoll, ich mag die Gegend sehr!

Emscher Kunst-2-4

Weil mir in der Radkarte zu wenig Informationen zum ganzen Projekt waren, musste ich den Katalog dazu haben. Der erste Eindruck: schwer orange! Die Künstlerliste ist exquisit. Dann las ich, wer die Fotos gemacht hat: Roman Mensing und Thorsten Arendt. Roman Mensing machte auch schon für die Skulptur Projekte 2007 und 1997 – grandiose Aufnahmen! Bevor ich mir also auch nur einen Essay durchlas, musste ich mir die Bilder und Objekte ansehen. Dabei entdeckte ich natürlich ein paar Künstler, die mir bei der ein oder anderen Ausstellung schon über den Weg gelaufen sind. Dazu gehört auch Janet Cardiff. Ihre Audiospaziergänge und Klanginstallationen faszinieren immer wieder. Auch diese Installation namens „Forest“ mitten auf einer Waldlichtung stelle ich mir sehr beeindruckend vor, wenn künstliche Geräusche den natürlichen Raum erfüllen, die man vielleicht dort nicht unbedingt erwartet. Diese Installation wurde erstmals auf der documenta (13) präsentiert, nun befindet sich das Werk von Cardiff und Bures Miller in der Brandheide (irgendwo zwischen Röllinghausen, Habinghorst und Pöppinghausen – natürlich an der Emscher).

Als Fan der Lichtkunst war ich sofort von dem Objekt „Schutzhelme“ von Sujin Do begeistert. Man stelle sich zig Schutzhelme aus dem Bergbau vor, diese zusammengebunden zu einem riesigen Knäuel. Da die Schutzhelme vorne die klassischen Grubenlampen haben, ergibt dies zusammen eine großartige Schutzhelmlampe. Ja, Ihr könnt mich gern für verrückt halten, aber auf dem Foto sieht es toll aus und auch dieses Objekt hätte ich zu gern live gesehen. Achtung, es befindet sich im Kohlebunker der Kokerei Hansa (bei Huckarde) und ist nur im Rahmen einer Führung zu sehen. Aber lohnt sich bestimmt!!!

Ich könnte vermutlich noch so einige Objekte aufzählen, die es mir total angetan haben, sei es das Zelt von Ai Weiwei, der Zauberlehrling von Inges Idee, der mich sofort zum Schmunzeln brachte, oder die Urban Space Station von Natalie Jeremijenko. Der Katalog ist eine prima Vorbereitung für die Radtour und man sollte ihn unbedingt lesen, um die einzelnen Kunstwerke zu verstehen. Auf diese Weise ergibt sich auch eine individuelle Route, denn ich würde vermutlich nicht alles ansehen wollen, sondern nur das, was es mir besonders angetan hat, was mich fasziniert und beeindruckt.

Folglich lautet mein Tipp für den Sommer:
1. Emscher Kunst Katalog kaufen
2. Emscher Kunst Katalog lesen
3. Sich überlegen, welche Objekte man sehen möchte
4. Kunst- & Radkarte besorgen
5. Reifen vom Rad aufpumpen
6. Proviant einpacken
7. Und los geht’s!

Unterwegs viele Fotos machen, posten und den Hashtag #entdeckediekunst verwenden!

Da Tanja in ihrer aktuellen Blogparade nach einem #KultTrip fragt, ist die Antwort in diesem Fall recht einfach: Emscher Kunst 2016! Auf nach NRW!

Außerdem ist heute #artbookfriday!

#artbook | Emscher Kunst

#Sprache | Deutsch / Englisch

#Verlag | Kerber Verlag

#ISBN | 978-3-7774-2588-7

#Seiten | 168

#Erscheinung | 2016

Hier erhältlich.

Neue Wege in der Kultur – Opéra de Lyon

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In meinem ersten Beitrag zu meiner Reise nach Lyon habe ich recht viel über den Inhalt des Stückes „Die Entführung aus dem Serail“ geschrieben. Nun möchte ich in meinem zweiten Beitrag mehr auf das Opernhaus Opéra de Lyon und die Inszenierung an sich eingehen.

Opera de Lyon-2

Opera de Lyon

Schaut Euch den wunderbaren unteren Teil des Gebäudes an oder diesen wunderbaren Prunksaal mit seinen herrlichen Kronleuchtern. Ich kann mich an diesem neoklassizistischen Neubau von Antoine-Marie Chenavard und Jean-Marie Pollet nicht sattsehen. Sobald man das Gebäude der Oper betritt, merkt man sehr schnell, dass mit den Erwartungen an eine Oper gebrochen wird. Ich habe ein Foyer erwartet, dass mir den Atem raubt, ich habe Sandstein bzw. hellen Stein erwartet, rote Teppiche und rote Absperrkordeln – typisch Oper eben.

Mit all diesen klassischen Erwartungen an eine Oper wird in diesem Haus gebrochen bzw. gespielt. Nichts ist so, wie man es erwartet. Das Foyer ist düster, Boden, Wände, Tresen, alles ist schwarz. Lediglich ein schmaler roter Teppich führt zur Kasse. Statt Treppen gibt es Rolltreppen, diese führen in schwindelerregende Höhe.

Opera de Lyon

Opera de Lyon-1

Guckt man sich das Gebäude von außen genauer an, könnte man diesen Bruch erahnen. Denn schon die riesige Kuppel bricht mit der Architektur. Verantwortlich dafür ist der Architekt Jean Nouvel. Er baute 1989 das gesamte Haus um, innen musste alles bis auf den einen Empfangssaal weichen. Stahl und Glas dominieren das Gebäude. Der riesige Innenraum der in ungeahnte Höhen führt bietet 1100 Besuchern Platz.

©Opera de Lyon

©Opera de Lyon

Mich hat die Architektur sehr beeindruckt und genau das ist es, was der Besucher bei dieser Aufführung zu sehen bekam, einen Hauch klassischer Inszenierung zu Beginn und dann eine Art Bruch. Weg von der klassischen Inszenierung, hin zu einer anderen Ebene, die der Fantasie freien Lauf lässt.
Mit „klassisch“ meine ich die Kostüme, die zu Beginn recht opulent waren und dann mit dem einsetzenden Rückblick und dem Fortschreiten der Geschichte immer schlichter wurden. Das Bühnenbild wurde insgesamt recht minimalistisch gehalten. Auch muteten die Lampen in einer der ersten Szenen einen Hauch Erinnerung an ein an großes Bühnenbild an, das jedoch sehr schnell weggefegt wurde und durch große hohe mobile Wände einen völlig anderen und wandelbaren Charakter bekam. Die Kugel gen Ende des Stückes, die permanent gedreht wurde, zeigte eine raffinierte Bühnentechnik. Es war alles ingesamt sehr stimmig.

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Enlevement au serail ©Stofleth


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Enlevement au serail ©Stofleth

Stimmgewaltig waren auch Jane Archibald (Konstanze), Cyrille Dubois (Belmonte), Michael Laurenz (Pedrillo), Joanna Wydorska (Blonde) und David Steffens (Osmin). Der deutsche Schaupieler Peter Lohmeyer (Großstadtrevier oder Das Wunder von Bern) übernahm die Sprecherrolle des Selim. Hört mal selbst rein:

Wie bereits im ersten Artikel angedeutet, geht die Oper Lyon neue bzw. andere Wege, dafür ist in erster Linie der Intendant des Hauses Serge Dorny verantwortlich. Er versucht das Haus zu öffnen. Hierzu empfehle ich auch den Blogbeitrag von Sabine Haas auf ihrem www.kultur-blog.de, sie führte ein Interview mit dem Intendanten und fand heraus, was er sich bei all dem so denkt.

Für mich ist Oper oder Theater ein sehr analoges Medium (wie Kino eigentlich auch). Ich besuche dazu Orte und mir wird etwas vorgeführt. Von Theater oder Opernbesuchen zehre ich deutlich länger als von einem Kinobesuch (das ist eher Schall und Rauch), darum folge ich auch gern einigen Social Media Kanälen von solchen Kultureinrichtungen. Ähnlich wie Museen stellen sie eine gewisse Herausforderung dar und müssen sich einem jüngeren Publikum öffnen, das gewiss nicht immer ganz einfach ist. So fielen mir direkt die Social Media Kanäle der Oper ins Auge: YouTube, Instagram, Twitter und Facebook sind auch dort Standard. Meine Posts (bei Insta und Twitter) erhielten auch sofort „likes“, das Haus hat mich als Besucher auf jeden Fall wahrgenommen. Das einzige, an dem die Oper noch arbeiten muss, ist die Übersetzung der Webseite zumindest ins Englische. Das erwarte ich von einem so wunderbaren Haus dann schon. Das ist es auch, was mich bei den deutschen Einrichtungen immer mehr überrascht, viele Posts werden auf Deutsch und Englisch publiziert. Insbesondere bei Instagram ist dies totaler Trend. Bei Twitter werden Tweets bei wenigen Häusern auf Deutsch und Englisch publiziert. Natürlich müssen Häuser selbst gut abschätzen, ob sich dieser Aufwand lohnt. Bei einer Oper, die international arbeitet, erwarte ich das eigentlich schon. Aber ich habe gehört das soll wohl noch kommen. Alles andere kann ich mir bei diesem aktiven Haus auch nicht vorstellen und ich werde die Oper Lyon und ihr Programm mit Freude weiter verfolgen! Und ich frage mich, wann auch sie Snapchat entdecken…😉

Herzlichen Dank für die Einladung nach Lyon und zu einem unvergesslichen Abend!

#MozartLyon | Die Entführung aus dem Serail

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Wie die meisten von Euch wissen, bin ich eher ein Museumsnerd. Gut, mein fachliches (inhaltliches) Know How ist auch hier bei den vielen Themen in der Museumslandschaft begrenzt. Aber wie bereits angekündigt wird dieser Monat musikalisch.

Am Donnerstag hatte ich die Ehre nach Lyon fliegen zu dürfen. Anlass war die Premiere von „Die Entführung aus dem Serail“ (oder wie es in Lyon heißt „L’ENLÈVEMENT AU SÉRAIL„). Ich habe zwar Germanistik studiert, das bedeutet aber nicht, dass ich die gesamte Weltliteratur kenne. Falls dies überhaupt Weltliteratur ist. Und was ist das überhaupt?
Wie dem auch sei, habe ich mir im Vorfeld das Reclamheft besorgt und das Stück gelesen. Fazit: Großartig! Wäre ich Deutschlehrer geworden, hätten das Stück jetzt alle mit mir lesen müssen! Es ist kurz, kurzweilig und in Anbetracht der aktuellen politischen Lage auch hochaktuell. Ich muss mich korrigieren: Es ist immer aktuell, denn es geht um: Vergebung, Größe, Gehe lassen können, Freiheit, Emanzipation, Barmherzigkeit und natürlich um die Liebe.

Enlevement au serail ©Stofleth

Enlevement au serail ©Stofleth

Mein Anspruch an Oper ist ja eher sagen wir mal „sehr traditionell und altbacken“. Damit meine ich, dass ich durchaus auf Originalstücke stehe, auf gewaltige für manch einen vermutlich langweilige klassische Bühnenbilder. Ich kann selten etwas mit dem Minimalismus anfangen. Bühnenbilder werden abstrahiert und auf eine Metaebene gebracht. Das kann durchaus erfrischend sein und ich kann den Gefallen daran nachvollziehen, insbesondere wenn es um ein Stammpublikum geht, dass man immer wieder überraschen muss. Da ich nicht zum Stammpublikum gehöre, freue ich mich tatsächlich sehr, wenn es opulente Kostüme gibt, Bühnenbilder und Kulissen, die etwas aus vermeintlich alten Zeiten simulieren.

Enlevement au serail ©Stofleth

Enlevement au serail ©Stofleth

Da Texte adaptiert werden, die Sprache der heutigen angepasst wird (wer den Film Fack ju Göhte gesehen hat, weiß wovon ich spreche), der Inhalt oft einen zeitgemäßen Bezug findet, ändert sich auch das Bühnenbild wie man an den oben gezeigten Bildern sieht. Nichts desto trotz setze ich mich gern zuerst mit dem Original auseinander, um dann Änderungen überhaupt zu erkennen. Daraus resultieren für mich dann weitere wichtige Fragen: Warum hat man das getan? Um es dem Publikum leichter oder besser verständlich zu machen? Um die Transferhürde zu vereinfachen oder besonders zu erschweren? Um es anders zu machen? Stücke neu zu interpretieren? Oder oder oder? Viele Fragen, gewiss, aber ich gehe gern hin und wieder in die Oper und umso schöner war es für mich, dies zum ersten mal nicht in Deutschland tun zu dürfen. (Kleine Anmerkung: Die Oper war auf deutsch. 😉 )

Das gelesene Stück
Ein klassischer Dreiakter: Intro, Klimax, Finale. In der Dramaturgie nennt man dies auch Exposition, Entwicklung/Höhepunkt und Lösung/Katastrophe. Den Inhalt breche ich jetzt mal kurz herunter und viele dürfen mich auch dafür schelten: Geliebte (Konstanze) wurde entführt, Liebhaber (Belmonte) versucht sie zu befreien, wird bei der Flucht entdeckt, zum Entführer (Bassa Selim) gebracht, der die Dame auch heiß und innig liebt. Der Entführer stellt fest, dass der Rivale der Sohn seines Erzfeindes ist. Er will sie hart bestrafen, so wie er von seinem Erzfeind damals um sein Glück gebracht wurde (der Erzfeind nahm ihm seine Geliebte). Ändert aber seine Meinung und lässt sie gehen, zeigt Vergebung, will nicht so „böse“ wie sein Feind sein. (Das war jetzt wirklich nur der rote Faden, ich bin nicht auf die Rollen der Blonden, des Pedrillo oder Osmin eingegangen, die ALLE eine Hauptrolle spielen!) – Wie gesagt, das Stück ist kurz, könnt Ihr selbst auch fix nachlesen. 😉

Zurück zu diesem grandiosen Finale, das mich sehr bewegt hat, der Entführer ändert seine Meinung und lässt alle frei. Ist das nicht wahre Liebe? Er lässt seine Angebetete gehen, auch den Mann, den sie liebt. Zeigt das nicht Größe? In Anbetracht der Tatsache, dass der Vater von Belmonte dem Entführer (Bassa Selim) damals seine Geliebte genommen hat und sein Glück vernichtet hat, lässt er diesem Paar die Zukunft statt sie zu foltern. Barmherzigkeit? Nächstenliebe?

Und wie ihr merkt bin ich schon mittendrin in einer Interpretation, die durchaus aktuelle Bezüge aufweist. Dabei ich habe noch nicht mal erwähnt, dass es in diesem Stück um die Türkei geht. Man kann es also sehr weit und tiefgreifend interpretieren. Ebenso wenn man an die Flüchtlingskrise denkt oder an den Brexit. Vielleicht erinnert es auch ein wenig an die Bibel, Auge um Auge? Oder doch Barmherzigkeit?

Enlevement au serail ©Stofleth

Enlevement au serail ©Stofleth

Die Oper in Lyon führt anders in das Stück ein. Eine illustre Gesellschaft feiert die Befreiung der Geliebten (und natürlich auch des Pedrillo und dem Blondchen). Doch diese ertragen das Hämische, dieses sich lustig machens über die Entführer gar nicht. Sie befinden sich mitten in einem Dilemma, denn waren die Entführer wirklich so schlimm? Diese haben die Entführten verehrt und geliebt, Ihnen Freiheiten gelassen und sie um Liebe angefleht. Doch das Herz der Damen hing woanders – in ihrer alten Welt – fest. Ich bin noch hin und her gerissen, ob dieser Prolog, diese Einführung überhaupt notwendig ist. Er verdeutlichte zwar noch mal sehr stark die vielen Konflikte, in denen sich die Rollen befinden, aber das Stück gibt dem Zuschauer bereits so viele Themen zum Nachdenken an die Hand, dass es fast zu viel war. Ich sage „fast“, für Schüler wäre es wohl absolut perfekt. Der Einstieg wird dadurch sehr erleichtert.

Enlevement au serail ©Stofleth  Die Kostüme unterstrichen die verschiedenen Lebenswelten.

Enlevement au serail ©Stofleth
Die Kostüme unterstrichen die verschiedenen Lebenswelten.

Fazit:
Mir hat das Stück und die Inszenierung ausgesprochen gut gefallen. Hätte ich das Werk zuvor nicht gelesen, hätte ich aufgrund der Inszenierung trotzdem oder gerade deshalb einen guten Zugang gefunden.

Bis zum 15. Juli 2016 wird das Stück noch in Lyon aufgeführt. Hier die weiteren Termine:
24. Juni 2016
26. Juni 2016
28. Juni 2016
30. Juni 2016
5. Juli 2016
7. Juli 2016
9. Juli 2016
11. Juli 2016
13. Juli 2016
15. Juli 2016

Kosten: Zwischen 14 und 94 Euro (Tipp: nehmt auf keinen Fall einen der höchsten Ränge, die Oper ist riesig bzw verdammt hoch! Oder vergesst auf keinen Fall das Fernglas.)
Dauer: 3 Stunden und 15 Minuten (plus eine 30 minütige Pause)

PS: Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben einen so coolen und lässigen Dirigenten gesehen und schon gar nicht bei einer Premiere erwartet!😀 Er trug eine Lederhose, ein T-Shirt und irgendeine Jacke oder Weste darüber – allein das war schon spektakulär genug und zeigt, dass dieses Opernhaus alles andere als steif ist und gern neue Wege beschreitet.

Portrait de Stefano Montanari ©Ph.Cifarelli

Portrait de Stefano Montanari ©Ph.Cifarelli

Herzlichen Dank an die Opera de Lyon für diese wunderbare Einladung!

SingING – herrlicher Gesang südlich der Elbe

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Vor geraumer Zeit schrieb ich bereits über „SymphonING – Klassik südlich der Elbe“, neben dem wunderbaren Symphonieorchester der TUHH gibt es auch einen hervorragenden Chor: SingING. Endlich habe ich die Zeit gefunden, ein Konzert im Audimax zu besuchen. Eins sei schon gesagt: Es hat sich – wie immer – gelohnt!

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