Schlagwörter

, , , , , , , , , , ,

Welch kryptischer Titel, eigentlich passt sowas ja weniger zu meinem Blog, aber ich habe in Hamburg Menschen kennengelernt, die ich Euch gern vorstellen möchte, weil sie künstlerisch tätig sind. Ich werde sporadisch unter dem Motto #supportyourlocalartist diese Menschen, ihre Ausstellungen, Ideen oder Werke hier vorstellen.

VERPACKV-11

Beginnen möchte ich mit Marcus Walczynski, den ich nun schon seit 2,5 Jahre kenne. Ich wusste wohl, dass er mit seiner Kamera umzugehen weiß, aber ich habe nie ein Foto gesehen. Vom 24.10. bis 15.11.2015 stellt er unter dem Titel „VerpackV“ aus. Das Kernthema war: Erzeugt der „Gelbe Sack“ nicht sogar mehr Müll? – Allein die Idee sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, fand ich so skurril, dass ich mich auf den Weg nach Wedel machte.

VerpackV-4

Die kleine aber feine Ausstellung bezog sich tatsächlich auf den Gelben Sack. Bis zu einem gewissen Grad zweifel ich ja gern, ob es Künstler ernst meinen, oder ich mal wieder für einen Scherz zu naiv war. Frei nach dem Motto: Ist das Kunst oder kann das weg?

VerpackV-7

Viel verwirrender fand ich aber den Titel „VERPACKV“. Natürlich habe ich vorher Google angeschmissen, um nicht mit völliger Unwissenheit zu gläzen, was ich oft genug tue. Es ist die „Verordnung über die Vermeidung und Verwertung von Verpackungsabfällen (Verpackungsverordnung – VerpackV)„.

Die Ausstellung beginnt mit einer Dokumentationsreihe einer Wohnsiedlung. Wie hängen oder stellen Menschen ihren Gelben Sack vor die Tür? Ich habe mich bei den Fotos regelrecht ertappt gefühlt, ja, es gibt Muster! Unglaublich aber wahr. Ich habe damals in Bremen auch meinen Gelben Sack ordentlich über einen Lattenzaun gehängt. Diese schlichten Fotos bringen einen irgendwie zum Schmunzeln und werfen Fragen auf: Haben die Menschen die Säcke selbst vor die Tür gebracht? Wer legt sie auf einen Haufen zusammen? Warum stellt man sie nebeneinander? Was mag wohl in den Säcken drin sein? Fragen über Fragen entwickeln sich, je länger man die Bilder betrachtet. Besonders angetan haben es mir die super kitsch-Bilder mit dem Fuchs. Mein erster Gedanke war Caspar David Friedrich gepaart mit Fotografie, Fuchs, Romantik pur und einem Gelben Sack. Verstörend und schön zugleich.

VERPACKV-10

Bevor ich jetzt noch weiter von der vergangenen Ausstellung schwärme, kommen wir nun zu meinem Fragenkonvolut, dass ich gemeinsam mit Freunden entwickelt haben. Das kann man sich etwa so vorstellen: Wir (ca. 12 Personen) stehen mitten in der Ausstellung und ich sammle Fragen ein, die ich mir schnell notiere. Folglich ist dies eigentlich ein Interview von ca. 13 Personen.😉 12 Menschen, die mehr oder minder kluge Fragen stellen und der arme Marcus, der sie alle beantworten ‚muss‘.

Lieber Marcus,

herzlichen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, all unsere Fragen zu beantworten, die im Laufe des Nachmittags in Deiner Ausstellung entstanden sind. Vielen Dank auch an Deine Familie für die tolle Bewirtung und dass Sie Dir die Zeit gegeben haben, unsere Fragen zu beantworten.

Los geht es:

Wie bist Du auf die Idee gekommen, eine Ausstellung über Gelbe Säcke zu machen?
Die Bilder sind aus einer anfänglich schleichenden Beobachtung entstanden. Der Gelbe Sack steht ja schließlich „nur“ alle 14 Tage vor der Haustür. Ausschlaggebend war jedoch der Frühling. Stelle Dir saftig grüne Bäume vor. Davor ein Berg gelber Säcke und als i-Punkt Sperrmüll. Bei diesem Anblick konnte ich nicht anders und musste es mit meiner Kamera festhalten. Damit bin ich dann tiefer in das Thema der Wertstofftrennung eingestiegen. Das Projekt war geboren.
VerpackV-6

In Deiner Ausstellung gibt es unterschiedliche Serien. Unter anderem die mit dem Fuchs. Wie bist du auf ausgerechnet dieses Tier gekommen?
Ich hatte zu Beginn kein spezielles Tier vor Augen. Es sollte jedoch einheimisch sein und keine Ängste in uns wecken. Im Gegenteil, es ging mir um ein Tier, dass wir aufgrund seiner Erscheinung auch in unser Herzen schließen können. Der Fuchs ist klein, zart und damit aus meiner Sicht empfindsam. Er bedroht uns Menschen in keinster Weise. Erst als die Bilder fertig bearbeitet und gedruckt waren, fiel mir die Geschichte vom Fuchs und dem kleinen Prinzen ein. Dort sagte der Fuchs: “Die Menschen, die haben Gewehre und schießen. Das ist sehr lästig.“ Für mich ein Satz, der auch gleichzeitig die Beziehung zwischen Natur und Mensch, Fuchs und Gelber Sack wiedergibt.

VerpackV-2
Woher hast Du den Fuchs?
Den Fuchs habe ich vom Stadtmuseum Wedel bekommen. Dabei war es eher ein Zufall. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt auf Ebay an verschiedenen Versteigerungen mit Tierpräparaten teilgenommen. Bei einer Vorbesprechung zur Ausstellung im Stadtmuseum erzählte ich dann von meiner Bildidee. Und wie der Zufall es wollte und es Museen gerne inne haben, befanden sich in der Sammlung des Stadtmuseums ausgestopfte Tiere. Darunter eben auch der Fuchs.

Du scheinst Dir Gedanken über die Bildkomposition gemacht zu haben, wie bist Du auf diese fast romantische Darstellung gekommen? Hattest Du ein Vorbild?
Deine Vermutung hinsichtlich einer romantischen Bildkomposition ist korrekt. In meiner Vorstellung war es wichtig den Gelben Sack in eine zivilisationsferne Welt zu platzieren. An einem Ort, an dem er verstörend wirkt. Hierbei hilft es sich den Gelben Sack aus dem Bild weg zu denken und nur den Fuchs im Motiv zu belassen. Es entsteht wieder eine ganz neue Gefühlswelt. Für diese Stimmung kam mir dieser Herbstmorgen einfach wie gerufen. Es war tatsächlich auch der letzte mit dieser Atmosphäre in diesem Jahr. Als Vorbild im Sinne der Stimmung würde ich damit eindeutig einen der romantischen Maler wie Caspar David Friedrich sehen.

Gibt es eine Stereotypie der Sack-Rausstellung? Hast Du Ähnlichkeiten entdeckt oder verschiedene Typen, wie man den Sack zur Abholung bereitstellt?
Die Frage lässt sich wohl am ehesten mit der Platzierung des Gelben Sack entlang den Häusern und Straßen beantworten. Ich musste feststellen, dass die Säcke alle 14 Tage präzise an die selbe Stelle gelegt oder gehängt wurden. Es kam einem „deja vu“ gleich. Von Chaos keine Spur.

Hast Du Dich auch mit den Inhalten des Sackes auseinander gesetzt?
Um die Inhalte in den Säcken kam ich gar nicht drum herum. Allein aus reiner Neugierde. Verstehe mich nicht falsch, ich will mich nicht an den gesammelten Verpackungen ergötzen. Vielmehr erzählte jeder Sack ein Stück über den Sammler. So gab es Säcke, die waren ausschließlich mit den bekannten Marken der großen Discounter gefüllt. Jedenfalls wurde schnell klar, wie, wo und mit welchem Appetit wir einkaufen. Mit dem Gelben Sack geben wir auf diese Weise auch von uns eine Menge preis. Dazu noch im öffentlichen Raum. Klingt eigentlich nach einem aktuellen Thema😉

Bist Du pro oder contra Gelber Sack?
Bei dieser Frage bin ich eher gespalten. Ich sehe hier den Mittelweg als eine Lösung an. Dabei geht es darum, den Verpackungen erst keine Chance zu geben und Sie im Vorwege zu vermeiden. Auf der anderen Seite brauchen wir der Art Systeme, da wir uns heute nicht gänzlich von der Verpackung verabschieden können. Hier ist es jedoch wichtig, dass der Weg der Entsorgung so transparent wie möglich und nachvollziehbar ist.

Wie lange hast du an dem Projekt gearbeitet?
Die intensive Arbeit an diesem Projekt beanspruchte circa zwei Monate. Schließlich konnte ich im Schnitt nur alle 14 Tage jeweils abends und morgens um den Termin der Abholung fotografieren. Zudem ist auch die Zeit der anschließenden Umsetzung nicht zu unterschätzen. Auch wenn ich bei dieser Ausstellung sicher von einem kompakten Rahmen ausgehen musste.
Beginnend mit der Bildbearbeitung und dem anschließenden Druck der Bilder. Hierbei kam es mir übrigens sehr auf einen engen Kontakt zur Druckerei und die Anwesenheit bei der Produktion an. Gleichzeitig galt es die Ausstellung public zu machen. Hierbei freue ich mich, dass ich mit zum Teil sehr ausführlichen Artikeln in der Presse präsent war. Desweiteren habe ich versucht, dem Projekt in seiner Außenwirkung eine eigene visuelle Spannung zu verleihen, um das Interesse zu wecken. Also mit Auf- und Abbau der Ausstellung eine Menge schöner Arbeit.

Weißt Du wie viele Säcke pro Jahr von einem Haushalt (oder pro Kopf) gefüllt werden?
Deine Frage gefällt mir, da ich mich bewusst von Zahlen und Fakten ferngehalten habe. Es hätte auch zu sehr nach einem Fingerzeig ausgesehen, wenn ich mich hinter Zahlen gestellt hätte. Vielmehr sollten die Aufnahmen unser Verhältnis zu Verpackungen und der Entsorgung beschreiben und in Anekdoten erzählen. Die Bilder rücken somit eindeutig an die Stelle der Zahlen und bemühen den Betrachter um eine Reflexion des Themas. Am Ende ist es natürlich auch ein subjektives Statement meinerseits.

VerpackV

Gibt es Unterschiede im urbanen Raum oder dem ländlichen Bereich?
Hierzu kann ich dir keine zufriedenstellende Antwort geben, da ich mich dann wesentlich umfassender mit dem Thema hätte beschäftigen müssen. Jedoch kann ich sagen, dass es die Mülltrennung mit dem Gelben Sack sowohl in der Stadt wie auf dem Land gibt.

Hast Du ein Lieblingsbild in Deiner Ausstellung?
Ja, bei einem Bild liegt der Gelbe Sack auf einer äußerst gepflegten Hecke unter einem zierlichen Baum. Im Hintergrund sind Einfamilienhäuser zu sehen. Bei diesem Bild bin ich oft gefragt worden, ob ich diese Situation inszeniert habe. Genau das macht den Reiz des Bildes aus. Es ist wie auch alle weiteren Bilder so aufgenommen, wie ich es vorgefunden habe. Ausgenommen natürlich die Serie mit dem Fuchs.

Ist diese „positive Sammelmoral“ typisch deutsch?
Klasse, dass Du den Begriff der „positiven Sammelmoral“ aufgreifst. Es war mir wichtig den Konsumenten zu zeigen, dass er mit dem gezielten und disziplinierten Sammeln eine positive Eigenschaft inne hat. Diese Fähigkeit erlaubt uns schließlich, das Problem des Verpackungsmüll an seiner Wurzel zu fassen und genauso diszipliniert den Abfall zu vermeiden. Kurz gesagt, ja es ist eine deutsche Eigenschaft, die ihre Chancen hat.

VerpackV-9