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Wie die meisten von Euch wissen, bin ich eher ein Museumsnerd. Gut, mein fachliches (inhaltliches) Know How ist auch hier bei den vielen Themen in der Museumslandschaft begrenzt. Aber wie bereits angekündigt wird dieser Monat musikalisch.

Am Donnerstag hatte ich die Ehre nach Lyon fliegen zu dürfen. Anlass war die Premiere von „Die Entführung aus dem Serail“ (oder wie es in Lyon heißt „L’ENLÈVEMENT AU SÉRAIL„). Ich habe zwar Germanistik studiert, das bedeutet aber nicht, dass ich die gesamte Weltliteratur kenne. Falls dies überhaupt Weltliteratur ist. Und was ist das überhaupt?
Wie dem auch sei, habe ich mir im Vorfeld das Reclamheft besorgt und das Stück gelesen. Fazit: Großartig! Wäre ich Deutschlehrer geworden, hätten das Stück jetzt alle mit mir lesen müssen! Es ist kurz, kurzweilig und in Anbetracht der aktuellen politischen Lage auch hochaktuell. Ich muss mich korrigieren: Es ist immer aktuell, denn es geht um: Vergebung, Größe, Gehe lassen können, Freiheit, Emanzipation, Barmherzigkeit und natürlich um die Liebe.

Enlevement au serail ©Stofleth

Enlevement au serail ©Stofleth


Mein Anspruch an Oper ist ja eher sagen wir mal „sehr traditionell und altbacken“. Damit meine ich, dass ich durchaus auf Originalstücke stehe, auf gewaltige für manch einen vermutlich langweilige klassische Bühnenbilder. Ich kann selten etwas mit dem Minimalismus anfangen. Bühnenbilder werden abstrahiert und auf eine Metaebene gebracht. Das kann durchaus erfrischend sein und ich kann den Gefallen daran nachvollziehen, insbesondere wenn es um ein Stammpublikum geht, dass man immer wieder überraschen muss. Da ich nicht zum Stammpublikum gehöre, freue ich mich tatsächlich sehr, wenn es opulente Kostüme gibt, Bühnenbilder und Kulissen, die etwas aus vermeintlich alten Zeiten simulieren.

Enlevement au serail ©Stofleth

Enlevement au serail ©Stofleth

Da Texte adaptiert werden, die Sprache der heutigen angepasst wird (wer den Film Fack ju Göhte gesehen hat, weiß wovon ich spreche), der Inhalt oft einen zeitgemäßen Bezug findet, ändert sich auch das Bühnenbild wie man an den oben gezeigten Bildern sieht. Nichts desto trotz setze ich mich gern zuerst mit dem Original auseinander, um dann Änderungen überhaupt zu erkennen. Daraus resultieren für mich dann weitere wichtige Fragen: Warum hat man das getan? Um es dem Publikum leichter oder besser verständlich zu machen? Um die Transferhürde zu vereinfachen oder besonders zu erschweren? Um es anders zu machen? Stücke neu zu interpretieren? Oder oder oder? Viele Fragen, gewiss, aber ich gehe gern hin und wieder in die Oper und umso schöner war es für mich, dies zum ersten mal nicht in Deutschland tun zu dürfen. (Kleine Anmerkung: Die Oper war auf deutsch. 😉 )

Das gelesene Stück
Ein klassischer Dreiakter: Intro, Klimax, Finale. In der Dramaturgie nennt man dies auch Exposition, Entwicklung/Höhepunkt und Lösung/Katastrophe. Den Inhalt breche ich jetzt mal kurz herunter und viele dürfen mich auch dafür schelten: Geliebte (Konstanze) wurde entführt, Liebhaber (Belmonte) versucht sie zu befreien, wird bei der Flucht entdeckt, zum Entführer (Bassa Selim) gebracht, der die Dame auch heiß und innig liebt. Der Entführer stellt fest, dass der Rivale der Sohn seines Erzfeindes ist. Er will sie hart bestrafen, so wie er von seinem Erzfeind damals um sein Glück gebracht wurde (der Erzfeind nahm ihm seine Geliebte). Ändert aber seine Meinung und lässt sie gehen, zeigt Vergebung, will nicht so „böse“ wie sein Feind sein. (Das war jetzt wirklich nur der rote Faden, ich bin nicht auf die Rollen der Blonden, des Pedrillo oder Osmin eingegangen, die ALLE eine Hauptrolle spielen!) – Wie gesagt, das Stück ist kurz, könnt Ihr selbst auch fix nachlesen. 😉

Zurück zu diesem grandiosen Finale, das mich sehr bewegt hat, der Entführer ändert seine Meinung und lässt alle frei. Ist das nicht wahre Liebe? Er lässt seine Angebetete gehen, auch den Mann, den sie liebt. Zeigt das nicht Größe? In Anbetracht der Tatsache, dass der Vater von Belmonte dem Entführer (Bassa Selim) damals seine Geliebte genommen hat und sein Glück vernichtet hat, lässt er diesem Paar die Zukunft statt sie zu foltern. Barmherzigkeit? Nächstenliebe?

Und wie ihr merkt bin ich schon mittendrin in einer Interpretation, die durchaus aktuelle Bezüge aufweist. Dabei ich habe noch nicht mal erwähnt, dass es in diesem Stück um die Türkei geht. Man kann es also sehr weit und tiefgreifend interpretieren. Ebenso wenn man an die Flüchtlingskrise denkt oder an den Brexit. Vielleicht erinnert es auch ein wenig an die Bibel, Auge um Auge? Oder doch Barmherzigkeit?

Enlevement au serail ©Stofleth

Enlevement au serail ©Stofleth

Die Oper in Lyon führt anders in das Stück ein. Eine illustre Gesellschaft feiert die Befreiung der Geliebten (und natürlich auch des Pedrillo und dem Blondchen). Doch diese ertragen das Hämische, dieses sich lustig machens über die Entführer gar nicht. Sie befinden sich mitten in einem Dilemma, denn waren die Entführer wirklich so schlimm? Diese haben die Entführten verehrt und geliebt, Ihnen Freiheiten gelassen und sie um Liebe angefleht. Doch das Herz der Damen hing woanders – in ihrer alten Welt – fest. Ich bin noch hin und her gerissen, ob dieser Prolog, diese Einführung überhaupt notwendig ist. Er verdeutlichte zwar noch mal sehr stark die vielen Konflikte, in denen sich die Rollen befinden, aber das Stück gibt dem Zuschauer bereits so viele Themen zum Nachdenken an die Hand, dass es fast zu viel war. Ich sage „fast“, für Schüler wäre es wohl absolut perfekt. Der Einstieg wird dadurch sehr erleichtert.

Enlevement au serail ©Stofleth  Die Kostüme unterstrichen die verschiedenen Lebenswelten.

Enlevement au serail ©Stofleth
Die Kostüme unterstrichen die verschiedenen Lebenswelten.

Fazit:
Mir hat das Stück und die Inszenierung ausgesprochen gut gefallen. Hätte ich das Werk zuvor nicht gelesen, hätte ich aufgrund der Inszenierung trotzdem oder gerade deshalb einen guten Zugang gefunden.

Bis zum 15. Juli 2016 wird das Stück noch in Lyon aufgeführt. Hier die weiteren Termine:
24. Juni 2016
26. Juni 2016
28. Juni 2016
30. Juni 2016
5. Juli 2016
7. Juli 2016
9. Juli 2016
11. Juli 2016
13. Juli 2016
15. Juli 2016

Kosten: Zwischen 14 und 94 Euro (Tipp: nehmt auf keinen Fall einen der höchsten Ränge, die Oper ist riesig bzw verdammt hoch! Oder vergesst auf keinen Fall das Fernglas.)
Dauer: 3 Stunden und 15 Minuten (plus eine 30 minütige Pause)

PS: Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben einen so coolen und lässigen Dirigenten gesehen und schon gar nicht bei einer Premiere erwartet!😀 Er trug eine Lederhose, ein T-Shirt und irgendeine Jacke oder Weste darüber – allein das war schon spektakulär genug und zeigt, dass dieses Opernhaus alles andere als steif ist und gern neue Wege beschreitet.

Portrait de Stefano Montanari ©Ph.Cifarelli

Portrait de Stefano Montanari ©Ph.Cifarelli

Herzlichen Dank an die Opera de Lyon für diese wunderbare Einladung!